
Wieder war es ein warmer Tag, fast hochsommerlich.
Schon im April hatte in diesem Jahr der Sommer stattgefunden. Nachdem es in seiner zweiten Hälfte etwas kühler geworden war, drehte der April jedoch am Ende wieder voll auf - dem 1. Mai hätte man kein besseres Wetter für eine Wanderung bieten können !
Vor wenigen Tagen erst war ein neuer Wanderweg eingeweiht worden, die “Via Adrina”, eine Strecke, die in Form einer Acht einige Eder-Schleifen weit umgeht, dabei die Höhen links und rechts dieses Flusses erklimmt, auf diese Weise großartige Ausblicke auf die gemächlich dahintorkelnde junge Eder gestattet und dabei die Dörfer Arfeld und Schwarzenau berührt.
Der offizielle Beginn dieser Route ist bei der Gaststätte “Zum Bahnhof” in Arfeld in der Nähe der Ederbrücke, das “Eingangsportal”, wie es heißt, mit einer großen Informationstafel. Dass diese Gaststätte “Zum Bahnhof” heißt, wo doch weit und breit keine Eisenbahn zu sehen ist, erinnert daran, dass hier vor noch nicht allzu langer Zeit Dampflokomotiven fauchten... Zwischen 1911 und 1981 war das gewesen - siebzig Jahre lang. Auch wenn sich die Alten erinnern: “Eine Bahnfahrt durch das Edertal war traumhaft.” - heute erscheint es fast wie ein Albtraum, wenn man sich vorstellt, dass dieses traumhafte Tal durch Dampf, Ruß und Lärm verunstaltet worden war. Erstaunlich ist es auf jeden Fall, dass die Auenlandschaft durch den Bau und den Abbau der Eisenbahnanlagen offenbar nichts von ihrer Schönheit verloren hat.
Bei der großen Tafel hatte ich mein Auto abgestellt, war gegen zehn Uhr gestartet. Gleich zu Beginn war ein waldiger Steilaufschwung zu bewältigen, ein neu angelegter Pfad. Zuvor war mir ein wohl “Eingeweihter” begegnet, der mich fragte, ob ich die ganze oder nur die halbe Runde machen wollte... Die Via Adrina ist lang - 20,5 Kilometer... Und dabei geht es immer rauf und runter ! Zunächst hatte ich vor, die gesamte Via abzuwandern...
Schon dieses erste steile Stück bewirkte, dass mir der Schweiß ausbrechen wollte - doch der Schatten des Waldes wusste es zu verhindern. Ich trat aus ihm heraus in sonnendurchflutetes Wiesengelände. Sehr angenehm empfand ich das, die Hitze des Tages sollte erst später kommen.
Schon von weitem fielen mir einige Menschen auf. Es waren wohl etwas jüngere Menschen, denn einer versuchte, auf ein dort grasendes Pferd zu steigen. Was ihm auch gelang - trotzdem erschien dies nicht gerade fachmännisch. Ein wenig seltsam...
Die Verantwortlichen für die “Via Adrina” hatten an zwei Stellen hölzerne Aussichtsplattformen errichten lassen. Und hier war die erste, die zweite findet man auf der anderen Ederseite beim Hof Heller. Sehr hell war auch das Holz, es war ja auch noch recht frisch. Die Via Adrina wird ja auch als “Weg der Ausblicke” umschrieben... Ich finde diese Podeste überflüssig. Sie wirken künstlich und stören. Den tollen Ausblick hat man auch ohne sie. Wenn wenigstens dort eine Bank installiert wäre...
Bei diesem Podest traf ich auf die kleine Gruppe. Es waren fünf Personen und - zwei von diesen kannte ich !
Es waren Lisa und Jan, zwei Schüler aus meiner Elf ... Das war zunächst ein “Hallo !” und natürlich ein Fragen, was sie und ich vorhätten. Sie wollten zum “Harfeld”. Nach kurzem Suchen auf meiner Karte hatte ich es gefunden und mich daran erinnert, dass ich dort auch schon einmal vorbeigekommen war. Harfeld liegt auf einer Hochfläche zwischen Sassenhausen und Richstein, mehr bei Richstein. Und dann erfuhr ich noch Näheres: dorthin würde an jedem 1. Mai die Jugend der Umgebung wandern, um dort zünftig zu feiern. Ja, jetzt kam es mir in den Sinn: als ich vor noch nicht einer Stunde durch Sassenhausen gefahren war, war mir eine größere Ansammlung von jungen Menschen aufgefallen... Sie hatten sich dort getroffen, um von dieser Seite auf das Harfeld zu marschieren.
Ich erzählte ihnen von meinem Vorhaben, die Via Adrina zu bewandern. Ein kurzes Stück liefen wir zusammen, doch dann zweigte meine Markierung - brandneu - nach rechts in den Wald ab. Um kurze Zeit später wieder auf den Weg der jungen Leute zu stoßen. Inzwischen waren regelrechte Scharen von Jugendlichen aus Arfeld dazugestoßen. Wieder erkannte ich einige, zum Beispiel Elisabeth und Christian, mit denen ich mich einige Zeit lang unterhielt.
Einige meinten, ich solle doch mit ihnen zum Harfeld wandern... Ein wenig kam ich ins Zaudern. Wieder trennten sich für kurze Zeit unsere Wege - meine Markierung war stellenweise etwas seltsam angelegt, immer wieder kam ich zurück auf die Hauptstrecke. Ich hatte mir ja vorgenommen, die Via Adrina zu gehen... Den Ausschlag, nicht mit den jungen Leuten zu wandern, gab jedoch die Erkenntnis, dass sie, oder jedenfalls viele, sich viel zu langsam bewegten. Vor allem die meisten Burschen klammerten sich zu dieser Zeit schon an eine Bierflasche und verlangten unentwegt nach einer Pause... Als ich ein paar Tage später Lisa fragte, wann sie denn das Harfeld erreicht hätten: so gegen 18 Uhr ! Und - wie ich es hörte und las - manche schafften den Heimweg an diesem Tag nicht mehr...
Vor dem Hof Mühlbach trennten wir uns endgültig, und vom Gegenhang sah ich die weit auseinandergezogene Wandergruppe. Etwa sechs Kilometer hatten sie noch vor sich... Ich selbst folgte nun konsequent der Markierung der Via Adrina. Sehr interessant ist dieser neue Steig angelegt, mitunter sind neue Pfade eröffnet worden. Von einem breiten Weg wurde ich einmal unvermittelt nach rechts in den Wald “gebeten” - ich verstand das nicht so recht, dachte, dass jetzt eine besondere Sehenswürdigkeit erscheinen würde... Doch schon nach wenigen Metern war ich wieder auf demselben breiten Weg: Offenbar hatte da Kyrill seine Hand im Spiel gehabt. Möglicherweise war der Hauptweg an dieser Stelle versperrt gewesen, als diese Markierung angelegt worden war.
Ich überquerte den Leisebach und kam auf einen breiten ebenen Weg in Richtung Arfeld. Doch das geruhsame Wandern war nur von kurzer Dauer, denn schon nach wenigen Metern wies die Markierung steil nach oben... Einen richtigen Steig hatten sie in die Wildnis gelegt, in Zickzackform - darum mussten auch viele Markierungen angebracht werden. Dieser Pfad führte auf einen Parallelweg weiter oben, doch auch da ging es gleich wieder in das Abseits...
Und bald wusste ich warum: Plötzlich sah ich fast senkrecht unter mir das Wasser der Eder. Rot glänzten die Sandsteine durch das Wasser hindurch.
Der Pfad gewann immer mehr an Höhe, erreichte eine offene Stelle des Höhenrückens zwischen Stömpel und Hohekopf.Von hier hatte ich gleich nach zwei Seiten einen wunderbaren Blick auf das Edertal: einmal auf den Stedenhof bei Arfeld, und auf der anderen Seite in Richtung Schwarzenau.
Eine Bank lud zu einer Pause ein. Hier fiel mir der blühende Ginster auf, der dieses Jahr schon sehr früh in Blüte stand - sonst ist das erst Ende Mai der Fall !
Hier war es aber auch, dass ich mich entschied, heute nur die halbe Runde der Via Adrina zu “machen”, die eine Schleife der “Acht”. Nach kurzer Zeit erreichte ich den Hof “Vor der Klause” und schlug nun den Weg Richtung Arfeld ein. Er führte durch eine Eisenbahnunterführung - die alte Bahntrasse in Richtung Schwarzenau gibt es noch, sie wurde zu einem schönen Wanderweg ausgebaut, und auch zum “Ederauen-Radweg”.
Nachdem ich die Eder auf einer Brücke überquert hatte, war Arfeld erreicht und musste in seiner ganzen Länge durchwandert werden, denn mein Auto stand am nördlichen Ortsausgang. Ein brandneuer Maibaum, die interessante spätromanische Arfelder Kirche und eine große Zahl schöner Fachwerkbauten säumten meinen Weg.
Besondere Aufmerksamkeit zog das alte Pfarrhaus auf sich. Und eine Informationstafel, die davon kündete, dass Arfeld im Jahre 800 erstmals erwähnt worden war ( als “Arahafelt” an der “Adrina”).
Mitte September war es - da kam ich auf die Idee, auf der zweiten Schleife der Acht zu wandern. Ganz in der Nähe jener Eisenbahnbrücke stellte ich mein Auto auf eine Wiese. Drei Kilometer marschierte ich auf dem alten Bahndamm in Richtung Schwarzenau. Die eigentliche Via Adrina führt etwas höher durch Wald- und Wiesengelände, aber die Ausblicke auf die Eder und die gegenüberliegenden Berghänge waren auch hier atemberaubend. In der Mitte dieser Teilstrecke, am Ederknie, bietet sich eine Bank an, diesen Blick sitzend zu genießen. Den Blick auf Schwarzenau und das Obere Hüttental.
“Der alte Bahndamm”... auf einer meiner Karten vom Rothaargebirge ist diese Eisenbahnlinie noch eingezeichnet. Die Karte stammt von 1971, und erst 1981 wurde diese Linie stillgelegt und die Schienen entfernt. Erst gut 25 Jahre ist das her, erstaunlich, wie schnell die Natur wieder die Oberhand gewonnen hat. Trotzdem sind noch viele alte Bauwerke und Entwässerungsanlagen der Bahnlinie zu erkennen und auch zu bestaunen. Es scheint wirklich erstaunlich, welcher Aufwand für diese sehr abgelegene Verbindungsstrecke betrieben worden war. So als ob man für die Ewigkeit hätte bauen wollen - und doch sind es nur 70 Jahre geworden !
Schwarzenau - ein anmutiges Dorf im Edertal, bereits 1059 als “Swarcenown” urkundlich erwähnt. In seinem Mittelpunkt, direkt an der Ederbrücke, findet man ein Herrenhaus oder Schloss. Seine heutige Gestalt erhielt es 1788 durch Graf Johann Ludwig zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein (1740-1796), der in Laasphe residierte. Obwohl Schwarzenau viel näher bei Berleburg liegt, gehörte es zur “Unteren Grafschaft” in Laasphe. In die Regierungszeit dieses Grafen fielen auch die Aktivitäten der “Schwarzenauer Bande”, einer Gruppe von Dieben und Räubern. 1790 wurden sie hingerichtet.
Der Vorgängerbau dieses Schlosses war aber auch zeitweise Sitz der gräflichen Regierung. Ansonsten Sommersitz, wurde Schwarzenau 1699 unter Graf Henrich Albrecht (1658-1723) für einige Jahre zur Residenzstadt. Dieser Graf fühlte sich zeitlebens mit dem Pietismus verbunden. Er ließ große religiöse Toleranz walten und machte die Südgrafschaft zu einem wahren Hort der Frömmigkeit.In kurzer Zeit ließen sich hier Angehörige der verschiedensten Richtungen des Radikalpietismus nieder: Inspirierte, Eremiten, Neutäufer, Philadelphier und andere religiöse Außenseiter. Henrich Albrecht hielt sich hier gerne auf, um näher bei seinen Glaubensgeschwistern zu sein. Er nahm an ihren Zusammenkünften teil und ließ in seinem Schloss “Erbauungsstunden” durchführen.
Nachdem ich die Ederbrücke überquert hatte, war es nicht zu vermeiden, dass ich wieder ansteigen musste. Vorbei ging es an der Kapelle von Schwarzenau, die allerdings jüngeren Datums als das Schloss ist. Ich gelangte zum Friedhof, und der Pfad an seinem Rand, der mich in Falllinie nach oben zwang, ließ den Schweiß ausbrechen.
Eine kurze Fotografierpause gewährte die “Gewöhnliche Schneebeere” mit ihren interessanten Blüten. An anderer Stelle des Strauches waren aber auch schon die weißen kugelrunden Früchte zu sehen, die dem Gewächs zu dem Beinamen “Knallerbsenstrauch” verholfen haben.
Noch einmal waren hundert Höhenmeter zu bewältigen, bis ich aus dem Wald treten konnte und die freie Wiesenfläche beim Oberen Hüttental erreicht hatte.
In dieser Siedlung, dem “Oberen Hüttental”, ließen sich seit 1698 viele religiös verfolgte Siedler nieder. Sie wohnten nur in einfachen Hütten. Und so entstand der Name “Hüttental”.
Eine der bekanntesten Personen, die hier einige Jahre lebten, war Alexander Mack (1679-1735). Er stammte aus Schriesheim bei Heidelberg. (Welch ein Zufall - ich stamme auch aus Heidelberg...) Anfang 1708 kam er, inzwischen von den Anschauungen und Idealen der religiösen Separatisten stark inspiriert, nach Schwarzenau. Die Hütte, in der Mack bis 1720 lebte, ist heute das “Alexander-Mack-Museum”.
Mack und einige seiner Brüder beschäftigten sich mit der Frage, ob nicht eine Glaubenstaufe viel richtiger sei als die Säuglingstaufe - und kamen zu einer Bejahung dieser Frage. Schon Anfang August 1708 ließen sich fünf Männer und drei Frauen in der Eder neu taufen - unmittelbar am Schloss. Mack fungierte dabei als Täufer.
Dies war die Geburtsstunde der sogenannten Schwarzenauer Neutäufer, die erste Gemeindebildung, die man dem radikalen Pietismus zuordnen konnte. Ihre Glaubenspraxis, zu der auch noch die Fußwaschung, der heilige Kuss und die Verweigerung von Kriegsdienst und Eid zählten, hatten sie dem Urchristentum entnommen.
Als sich 1720 die politische Großwetterlage veränderte, dadurch dass Graf Henrich Albrecht sich die Regierung mit seinem Bruder August David teilen musste und außerdem auch andere Streitigkeiten entstanden waren, verließen die Schwarzenauer Neutäufer das Wittgensteiner Land.
In Amerika, in Pennsylvania, fand Mack eine neue Bleibe, eine neue Gemeinde und ein neues Betätigungsfeld. Seine Gruppe ist eine der wenigen, die aus dem radikalen Pietismus entstanden waren und heute noch Bestand haben. Heute nennt sich diese Freikirche “Church of the Brethren”. Anhänger gibt es in den USA, in Afrika, Lateinamerika, aber auch in Europa. Regelmäßig kommen Angehörige aus Amerika zu einem Besuch nach Schwarzenau.
Während ich durch die Hauptstraße des Oberen Hüttentales streife, keine einfachen “Hütten” mehr erkennen kann, sondern meist behagliche Häuser, in denen im Winter sicher eine wohltuende Wärme herrscht, vor denen Autos parken und in die gewiss alle Segnungen der modernen Zeit eingezogen sind - muss ich an jene Menschen denken, die hier vor 300 Jahren hausten... d.h. ich versuche es, versuche zu ergründen, wie Menschen zu häufig absonderlichen Vorstellungen kommen konnten.
Gewiss, es waren andere Zeiten vor dreihundert Jahren. Da fuhr dort unten im Edertal noch lange keine dampfende Eisenbahn. Und die Gedanken der Französischen Revolution, der Freiheit und Gleichheit, ließen auch noch lange auf sich warten... Aber den Gedanken der Brüderlichkeit hatten diese Gruppen vorweggenommen.
Ich frage mich, ob von dem Gedankengut der damaligen Bewohner bei den heutigen noch etwas übrig geblieben ist. Ganz sicher, meine ich, denn die “Frömmigkeit” des Wittgensteiner Landes, wie auch des Siegerlandes, ist ja weithin bekannt, ist fast “sprichwörtlich”...
Meine Gedanken kommen in eine andere Richtung, als die letzten Häuser von Hüttental hinter mir liegen und sich vor mir ein weites Tal mit vielen Wiesen und wenigen Höfen öffnet. Die Markierung schlägt wieder zu und befiehlt mir, das ebene Fahrsträßlein zu verlassen und nach rechts in den Wald anzusteigen. Auch hier ist mir dies im ersten Moment unverständlich, doch sehr bald bemerke ich die Absicht der Initiatoren der Via Adrina. In diesem weiten Talkessel werde ich an den Waldrändern entlanggeführt, die sich meist weit oben befinden und dadurch großartige Ausblicke ermöglichen. Hier ist es auch, wo eine zweite Aussichtsplattform errichtet worden ist.
Die Einzelhöfe wie “Heller”, “Auf dem Heller”, “Billing” und “Hambach” kann man gut erkennen, wie auch den Weiterweg.
So meint man es jedenfalls. Denn als ich den Hof “Auf dem Heller” passiert habe, von hier nach meiner Karte ein direkter Weg nach Arfeld hinunter zu existieren scheint... werde ich wieder von den Markierungen “umgeleitet”, um ein Vielfaches an Strecke. Da ist ein Waldstück, das wie eine Hand aus der restlichen Waldfläche herausragt... Klar, im Wald selbst hat man selten eine gute Aussicht !
Trotzdem habe ich einmal Arfeld erreicht. Der Anblick der Kirche aus dem 13. Jahrhundert mit dem mächtigen Turm und der doppelten Laternenhaube ist wohltuend, weil ich weiß, dass sich jetzt meine Beine ausruhen können.
Text + Fotos: Hartmut Scholz, Erndtebrück 2007
Links:
Schloss Schwarzenau bei Wikipedia
Arfeld bei Wikipedia
Bad Berleburg bei Wikipedia
Wandern im Rothaargebirge