
‘Keine zehn Pferde bringen mich dorthin !’ hatte ich vor einiger Zeit noch gedacht. Wenn mir in meiner Vorstellung ‘Wittgenstein’ wie ein Land hinter den Bergen vorkam, fast am Ende der Welt - dann erschienen mir Dörfer wie Banfe, Hesselbach oder Fischelbach noch hinterwäldlerischer... Dort müsste das Ende der Welt sein, redete ich mir ein...
Als meine Neugier jedoch einmal zu groß geworden war, als ich doch einmal diese Gegend kennen lernen wollte, musste ich dieses Denken sehr schnell als ein Vorurteil erkennen. Ich entdeckte eine Landschaft voll natürlicher Schönheit, in die sich kleine schmucke Dörfchen anmutig eingepasst hatten. ‘Vielleicht’, dachte ich, ‘ist es ja auch gut, wenn manche Menschen ein solches Vorurteil haben... Dann bleibt diese fast unberührte Schönheit noch lange so !’
Auch wenn das Wetter heute nicht das allerbeste war, wollte ich diese drei Dörfer Banfe, Hesselbach und Fischelbach kennen lernen. Im Verlaufe des Vormittags verschwand das trübe Grau des Novemberhimmels sogar einige Male und gestattete es dann der Sonne, mit ihren Strahlen die Farben der Wiesen und Wälder des Banfetales kräftiger werden zu lassen.
Banfe ist zuerst einmal ein Bach, der bei Laasphe in die Lahn fließt und dessen Wasser im Hauptkamm des Rothaargebirges entspringen. Im obersten Teil heißt er Fischelbach, und nach dem Durchfließen des Dorfes mit dem gleichen Namen wird er Banfe genannt.
Das Dorf Banfe scheint sehr alten Ursprungs zu sein, 1329 wird es zum ersten Male urkundlich erwähnt. Der Name Banfe lässt sich aus dem Keltischen ableiten und bedeutet in etwa “Mordwasser”. Eine andere Deutung erklärt die Endung ‘fe’ von ‘apa’ = Wasser und leitet ‘Ban’ von Binse’ ab, so dass ‘Banfe’ als ein mit Binsen bestandener Bach erscheint. Nicht verwechseln darf man es mit dem Dorf Benfe bei Erndtebrück, das erst im 18. Jahrhundert entstanden ist.
Ich war zum ersten Male in Banfe und war sogleich über eine Vielzahl schöner Fachwerkbauten erstaunt. Das Erscheinungsbild insgesamt ist sehr ansprechend, nicht zuletzt wegen der evangelischen Kirche, die eines der wenigen kirchlichen Bauwerke in Wittgenstein mit zwei Kirchtürmen ist. Sie wurde 1876/77 erbaut und wird wegen dieser Besonderheit auch “Banfer Dom” genannt.
In ihrer Nähe stellte ich mein Auto ab. Mein Plan war eine Rundwanderung über die Dörfer Hesselbach und Fischelbach und - je nach Lust und Wetter - auch noch über Bernshausen. Leicht ansteigend bewegte ich mich auf einem Höhenzug zwischen der Banfe und dem Auerbach, in dem mehrere tausend Jahre alte Topf- und Schüsselfragmente gefunden worden waren. Dieser Weg bot eine gute Sicht auf Banfe. Hier irgendwo mussten Dorf und Burg Volpershausen gestanden haben: es gibt eine Sage über einen verschwenderischen und bösen Ritter, der hier gehaust habe und durch die Verwünschungen eines Schäfers mitsamt seiner Burg untergegangen ist.
Kurz nach zehn Uhr hatte ich die Wanderung begonnen. Behutsam ging es bergan über Wiesengelände, in Richtung des bewaldeten Höhenzuges, der im Spreitzkopf (627 m) gipfelte und hinter dem ich Hesselbach vermutete. Die Abwechslung von Wiesen und Wäldern macht mir das Wittgensteiner Land so sympathisch. Offenbar nicht nur mir, denn mitunter wird von der “Wittgensteiner Schweiz” gesprochen oder gar diese Landschaft mit dem Allgäu verglichen...
Gegen elf Uhr hatte ich den höchsten Punkt des heutigen Tages erreicht, und nach wenigen Minuten öffnete sich der Wald und gestattete einen grandiosen Blick auf das Dorf Hesselbach. Vollständig umgeben ist es von Wiesen, am Gegenhang ziehen sie sich bis zur nächsten Höhe hin, und die Sonnenstrahlen, die sich ab und zu heruntertrauten, ließen ihr Grün fast wie im Frühling erscheinen, zumal das gelbe Laub einiger Sträucher wie Forsythien wirkten.
Dieses Dörfchen, das keinen Durchgangsverkehr kennt, wurde aber schon 802 erstmals urkundlich erwähnt, im Zusammenhang mit einer Schenkung an das Kloster Fulda. Bis 1936 gab es hier Abbau von Silber, Blei und Kupfer. Die ruhige und malerische Lage könnte sich auf den Fremdenverkehr auswirken. Immerhin gibt es einen Skihang mit Schlepplift und Beschneiungsanlage sowie ein Langlauf-Loipennetz.
Überraschend war für mich der idyllische Dorfplatz, in dessen Mitte eine jetzt allerdings fast laubfreie Linde steht und der von einer großen Zahl schmucker Fachwerkbauten umstanden ist. In einer Ecke steht eine Kapelle mit einem kleinen Glockentürmchen, ein schlichter einschiffiger Renaissancebau aus dem 16. Jahrhundert. Als ich sie fotografierte, waren die Klänge des Posaunenchors nicht zu überhören.
Mein nächstes Ziel war Fischelbach.
Ich musste Hesselbach durchqueren und den Gegenhang ersteigen, der diesmal völlig unbewaldet war.
Ich hörte das “Geschrei” einiger Menschen, was mir zunächst die Ruhe dieses Tales zu stören schien. Bald hatte ich erkannt, dass ich geradewegs auf einen Sportplatz zuging und dass ein Fußballspiel im Gange war. Zunächst wollte ich mich an diesem Platz vorbeischleichen, zumal auch nur wenige Zuschauer diesem Spiel Achtung zollten. Doch dann reizten mich die roten Trikots. Ich dachte, ein Foto, das die Lebendigkeit eines Fußballspiels zeigt, wäre doch einmal eine Abwechslung in der Abfolge von Landschafts-, Natur- und Kulturaufnahmen. Einige Minuten sah ich dem Treiben zu, wie der Ball über das Feld gekickt wurde und die jungen Burschen sich dabei abmühten und auch hin und wieder zu Fall kamen.
Bald hatte ich die Höhe erreicht, hinter der sich Fischelbach verstecken musste. Da ich an dieser Stelle freie Sicht hatte, konnte sich das Dörfchen nicht lange verbergen, im Gegenteil: als erstes fiel mir schon von weitem seine wunderschöne Kirche auf. Ich hatte zuvor von ihr gelesen, und dass sie im Dehio erwähnt ist, scheint ihr eine größere Bedeutung zu geben. Trotzdem war ich sehr überrascht. Was daran lag, dass der Turm schon aus der Ferne meine volle Aufmerksamkeit auf sich zog.
Dieser Turm, genauer der Turmhelm, sticht förmlich von den Häusern ringsum ab. Die geraden Linien der Fachwerke der umliegenden Gebäude lösen sich in ihm in geschwungene Kurven auf. Man könnte meinen, dieser hohe, dreifach gestufte Barockhelm passe nicht zu dem niedrigen, klobigen Unterbau, die achteckigen, zierlichen Helmaufsätze nicht zu dem klotzigen Quadrat darunter. In wörtlichem Sinne wirkt dieser Helm “aufgesetzt”, fast so, als ob den Erbauern das Geld ausgegangen sei... Dies mag in gewissem Sinne ja zutreffen - in jener Zeit, 1734, war das Geld sicher knapp.
Einer der schönsten Kirchen im Wittgensteiner Land ist dieses Bauwerk. Es ist nicht umsonst zum “Denkmal des Monats Dezember 2007" gekürt worden. Der barocke Turmaufsatz steht in Zusammenhang mit einer allgemeinen Renovierung der Kirche. Und diese wiederum mit einem Skandal ! Es war die Zeit des Pietismus, des Radikalpietismus. Der damalige Pfarrer von Fischelbach, Philipp Samuel Rosa (1702 - nach 1766) brachte nicht nur seine Gemeinde in Aufregung... 1732 war er von Laasphe nach Fischelbach versetzt worden. Er war offenbar ein eigenwilliger, unruhiger Geist gewesen, hatte kritische Verse verfasst, die sich u.a. auf den damaligen Grafen August von Sayn-Wittgenstein-Hohenstein in Laasphe bezogen. Von Scharlatanerie war die Rede. Man drohte ihm mit Amtsenthebung. Andererseits kümmerte er sich mit großem Schwung um die Erneuerung seiner völlig baufälligen Kirche, indem er unermüdlich Spendengelder zusammentrug. 1734 kehrte er jedoch von einer seiner “Kollektenreisen” nicht mehr zurück und ließ seine Familie in Fischelbach im Stich. Diese hatte nun Repressalien des Wittgensteiner Grafen zu erdulden, bevor ihr die Flucht gelang. Seine Tochter Angelika hat diese Geschehnisse später in einem phantasievollen Briefroman dargestellt.
Rosa blieb in Köthen, wurde dort 1737 Superintendent im Herzogtum Anhalt. Doch ließ er nicht von seinen “skandalösen Ausschweifungen” ab, die dort zur Amtsenthebung führten. Er hatte sich inzwischen der Freimaurerei zugewandt. Er gilt als einer der drei Begründer der Loge “Zu den drei Weltkugeln” in Berlin, die die erste Loge der Freimaurer in Deutschland war. Doch auch in dieser Gemeinschaft, die sich der Humanität, Toleranz und Bruderschaft verschrieben hatte, schoss er wohl übers Ziel hinaus. Man warf ihm u.a. Hochstapelei vor und schloss ihn schließlich wegen seiner enormen Spesenrechnungen aus dem Orden aus.
Fischelbach war gewissermaßen der Umkehrpunkt meiner heutigen Wanderung. Ich hatte ins Auge gefasst, über Gonderbach und Bernshausen nach Banfe zurückzuwandern. Weil jedoch die Wolken dichter geworden waren, entschied ich mich, auf direktem Wege zurückzugehen. Und das hieß: auf der Landstraße. Ich wollte auf jeden Fall auch noch den Großen Bohnstein sehen, einen Berg nördlich von Fischelbach mit einigen auffallenden Felsen, Schauplatz der Sage vom Bohnstein: Zwei Reiter waren auf der Flucht vor feindlichen Truppen auf dem Gipfel des Bohnsteins angekommen. Alle andere Fluchtwege waren ihnen abgeschnitten. Der eine Reiter, auf einem Rappen, stieß einen Fluch aus, gab seinem Pferd die Sporen und versuchte, hinabzureiten. Sein Pferd strauchelte jedoch, und beide fanden den Tod. Der andere Reiter stieg von seinem Schimmel ab, betete zu Gott, führte sein Pferd vorsichtig zu Tal, erreichte es glücklich und entkam so seinen Feinden.
Noch etwa vier Kilometer musste ich jetzt am linken Rand der Landstraße marschieren. Das war nicht gerade angenehm.
Immerhin war der Verkehr an diesem Sonntagmittag sehr schwach. Einmal dachte ich jedoch: ‘Wenn jetzt ein Auto vorbeikäme, anhielte, und ich gefragt würde, ob man mich ein Stück mitnehmen könne, würde ich nicht Nein sagen...’
Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, als ein kleines Auto an mir vorbeifuhr, nach etwa 200 Metern anhielt und offenbar zum Wenden ansetzte. Haben die sich verfahren ? dachte ich. An dieser Stelle schien es einen Abzweig zu geben. Oder kommen die zurück und wollen mich überfallen ? In dieser einsamen Gegend waren solche Gedanken durchaus möglich.
Tatsächlich, sie kamen geradewegs auf mich zu und hielten an. Aus dem heruntergelassenen Fenster starrten mich zwei Gesichter mit großen Augen an: “Was machen Sie denn hier, Herr Scholz ?” Die Beantwortung dieser Frage ging in allgemeinem Gelächter unter, sie lagen mit ihrer Vermutung richtig: “Machen Sie eine Wanderung ?” Es waren Dorothee und Alexander, zwei meiner Schüler... Und meinen kürzlichen Gedanken nahm ich wieder auf und fasste ihn in Worte: “Ein kleines Stück könntet ihr mich jetzt mitnehmen !”
Als ich auf dem bequemen Beifahrersitz saß und meine Beine entlastet waren, fragte ich: “Und was macht ihr hier ?” “Ich habe in Hesselbach Fußball gespielt.” antwortete Alexander. Das war doch nicht zu glauben ! “Da war ich doch gerade, vor etwa einer Stunde”, sagte ich. “Hab sogar kurz zugeschaut und Fotos gemacht !”
Es war ein Spiel der A-Junioren-Kreisklasse Nord gewesen. Die JSG (Jugendspielgemeinschaft) Banfe/Hesselbach/Fischelbach hatte mit der JSG Erndtebrück gerungen, und Alexander hatte als Stürmer auf seinem roten Trikot die Nummer 11 getragen. Die “Roten” hatten mit dem Rücken zu mir gespielt, darum war er mir nicht aufgefallen. Hätte ich gewusst, dass er dabei ist, hätte ich womöglich das Ende des Spiels abgewartet... Na ja, es ist ja “nur” 3:3 ausgegangen.
Bald hatten wir in Banfe den Standort meines Autos erreicht. Mit einem “Bis morgen früh 7.35 !" verabschiedeten wir uns.
Text + Fotos: Hartmut Scholz, Erndtebrück 2007
Links:
Fischelbach
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Banfe bei Wikipedia
Hesselbach bei Wikipedia
Wandern im Rothaargebirge