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Wandergeschichte und Fotos: Hartmut Scholz, Erndtebrück

Auf den Höhen über der Lahn

Wandern Schon von weitem glänzten die gelben Scheiben in der Morgensonne. Es waren die rauen Querschnitte Hunderter von Baumstämmen. Akkurat aufgestapelt wie riesige Bleistifte lagen sie an der rechten Seite des Weges, vielleicht zehn Meter lang. Diese sich teilweise überlappenden hellen Kreise standen in starkem Kontrast zu der dunklen Rinde der Stämme, die vor kurzem noch zu Bäumen gehört hatten. Kyrill hatte sie vor ziemlich genau neun Monaten in einer üblen Laune umgeweht.
Als ich mich entschlossen hatte, dieses Motiv als das erste an diesem Tag zu einem Foto werden zu lassen, und meinen Apparat aus dem Rucksack kramte, bemerkte ich deutlich an meinen Fingern, dass es noch recht kalt war. Zehn Uhr war es schon, an diesem herrlichen Sonntag in der Mitte des Oktober. Handschuhe könnte ich jetzt gebrauchen, dachte ich. Schnell setzte ich meine Wanderung fort und versenkte die Hände in meinen Hosentaschen. Wegen der Kälte brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, denn schon bald würde eine Steigung mir Wärme bringen, vielleicht sogar den Schweiß ausbrechen lassen. Und außerdem: es sollte heute richtig warm werden, so hatte es jedenfalls der Wetterbericht gesagt.

Eine Rundwanderung hatte ich mir vorgenommen, von vielleicht drei Stunden Dauer. Von der kleinen Ortschaft Stünzel auf dem Höhenweg Richtung Laasphe, dann hinunter nach Saßmannshausen, weiter nach Bermershausen, und über Holzhausen wieder zurück auf den Stünzel. Stünzel, auf der Hochfläche zwischen Eder und Lahn in ca. 600 m Höhe gelegen, ist vor allem durch das Stünzelfest bekannt, eine Kreistierschau, die jedes Jahr am zweiten Samstag im Juni abgehalten wird. Wie viele andere kleine Ortschaften im Wittgensteiner Land, wie zum Beispiel Heiligenborn oder Sohl, ist auch Stünzel eine Kanonsiedlung, 1711 erstmals urkundlich erwähnt. Kanon nannte man den jährlichen Zins, den die Kanonisten an den Grafen von Berleburg zu zahlen hatten. Von allen anderen Abgaben waren sie befreit.

Den Höhenweg nach Laasphe war ich schon einmal vor einiger Zeit gegangen und hatte ihn nicht gerade als berauschend empfunden, weil man ununterbrochen im Hochwald unterwegs ist und sich nur selten ein Blick in die Ferne oder auch nur auf nahe Täler bietet. So war es auch heute, und Kyrill hatte da ausnahmsweise nichts verändert. Vielleicht war dies der Grund, dass ich irgendwann einmal feststellen musste, dass ich mich verlaufen hatte... Und dies, obwohl ich die “beste” Karte (1:25000) bei mir hatte und des Kartenlesens nicht ganz unkundig bin. Den Abzweig am Erbachskopf nach rechts, hinunter nach Saßmannshausen, hatte ich einfach nicht gefunden. Obwohl ich dauernd nach ihm Ausschau gehalten hatte. Vielleicht war dieser Weg ja “zugewachsen”. Ich liebe nicht die ausgetretenen Wanderwege, die häufig “übermarkiert” sind, vor allem im Bereich des neuerdings so hochgelobten Rothaarsteigs. Ich suche mir lieber selbst meine Wege. Aber diesmal hatte ich offenbar die Konsequenzen dieser Vorliebe zu tragen.

SaßmannshausenIch hörte das Elf-Uhr-Geläute einer Glocke, die durch den dichten Wald zu mir herauftönte. Dies konnte nur, dies musste Saßmannshausen sein! Endlich kam ein Wegekreuz, und ich nahm hier den Abzweig nach rechts. Doch nun verlief ich mich erst recht und verlor die Orientierung, auch wenn ich krampfhaft versuchte, die Wirklichkeit auf der Karte wiederzufinden.
Erst an einer weiteren Wegespinne verlor sich dieses Unsicherheitsgefühl. Hier stand eine Informationstafel. Jetzt wusste ich endlich, wo ich war - am nördlichen Ende des Friedwalds von Bad Laasphe. Ich war viel zu weit gelaufen gewesen. Aber das war jetzt unwichtig. Die Aufforderung auf dieser Tafel “Suchen Sie sich schon mal einen Baum aus!” ignorierte ich und setzte meinen Weg hinunter Richtung Saßmannshausen mit kräftigem Schritt fort. Da es jetzt fortwährend abwärts ging, erreichte ich nach kurzer Zeit diesen Ort.

Saßmannshausen, erstmals 1344 erwähnt, war bis zur Gebietsreform 1975 die flächenkleinste Gemeinde in Nordrhein-Westfalen. Dies hängt mit den Eigentumsverhältnissen in den früheren Wittgensteiner Grafschaften zusammen. Das Dorf war 1585 in ein Hofgut, eine “Domäne”, umgewandelt worden, die der Versorgung des nahegelegenen Schlosses Wittgenstein bei Laasphe diente. Hier waren Zehntscheunen, Brauerei, Brennerei und andere Gewerke untergebracht. Einige dieser Gebäude existieren noch heute, und in jüngster Zeit gerieten sie wieder einmal in die Berichterstattung der Lokalzeitung.

SaßmannshausenAber nicht erst heute wurde von den Nachbarn und den Menschen in der Umgebung über dieses Haus geredet... Vor dreihundert Jahren war dies noch viel mehr der Fall! Damals hielt sich in ihm Eva von Buttlar mit bis zu siebzig Anhängern auf. Bald nannte man diese Gruppe die “Buttlarsche Rotte”. Ich hatte zuvor davon gelesen. So viel Abenteuerliches hatte ich gelesen, dass ich die Stätte ihres Tuns einmal persönlich sehen wollte. Aus diesem Grunde hatte ich die heutige Wanderung so geplant. Im März 1703 war sie hier eingezogen. Ihr Wesen oder Unwesen trieb diese Gruppe bis zum November 1704, als sie verhaftet wurde. Alle waren sie vom pietistischen Gedankengut so sehr inspiriert, dass man später vom “Radikalpietismus” sprechen wollte. Außer ihr zählten zwei Männer, Appenfeller und Winter, zum Führungstrio - in ihm sahen sie die Dreieinigkeit verwirklicht und die Endzeit gekommen. Dabei wurde Eva als der “Geist”, Winter als Vater und Appenzeller als Sohn betrachtet. “In dieser bizarren Atmosphäre war es nur noch ein kleiner Schritt, Sexualität als Ausdruck für ‘geistliches’ Miteinander anzusehen und zu praktizieren. In abenteuerlichen Herleitungen aus der Bibel wurde u.a. der promiskuitive Verkehr mit ‘Mutter Eva’ als reinigend angesehen... Auch andere rituelle Handlungen hatten große Bedeutung: So ließen sich die Männer Bärte und Haare wachsen, die Frauen schoren dagegen ihr Haupthaar. Es wurde ‘freie Liebe’ praktiziert. Man meinte, wahre Liebe eines Mannes zu seiner Frau zeige sich darin, dass er seine Frau auch anderen gönne. Es gab auch kein Eigentum mehr, alles sollte allen gehören... Zu einem sehr makabren Mittel wurde dann die sogenannte ‘Frauenbeschneidung’ - hierbei handelte es sich um einen äußerst schmerzhaften manuellen Eingriff, wobei der Uterus der Frau zerquetscht wurde. Diese Handlungen, gerade auch im sexuellen Bereich, sollten der umfassenden Reinigung der Mitglieder dienen.” (Ulf Lückel).
Als ich dieses Gebäude betrachtete, musste ich mich daran erinnern, wie Johann und sein Freund Karl durch zwei Löcher in der Holzwand dieses Treiben beobachtet hatten. Johann war der Held in dem historischen Roman “Evens Buch” von Roland Adloff. Gewiss hatte der Autor nicht alle Einzelheiten beschrieben, die die beiden gesehen hatten. Dieses Haus hätte man sicher als ein Bordell bezeichnen können, zumindest als eine Art Bordell. Wie haben sich die Zeiten geändert! Damals mussten alle Beteiligten mit hohen Strafen rechnen... Sehr häufig war das die Todesstrafe.
Mich beeindruckten diese Dinge um so mehr, als sie in einem so frommen Ländchen geschehen waren, dass sich ausgerechnet hier so etwas abgespielt hatte. Mir schien, dass man auch heute nur ungern darüber sprechen wollte, und wenn, dann höchstens hinter vorgehaltener Hand.

BermershausenEin wenig war ich auch froh, dass ich jetzt auf meiner Wanderung wieder auf andere Gedanken kommen durfte. Ich war jetzt im Tal der Lahn angekommen. Sehr weit war sie seit ihrer Quelle noch nicht gekommen, und hier zeigte sie sich auch nur als ein breiter Bach. Aber dem dichten Wald war ich nun entronnen. Die neue Landschaft mit vielen grünen Wiesen und fast unberührten Auwäldern gefiel mir viel besser. Ein kurzes Stück bis Bermershausen ging ich dieses idyllische, ja paradiesische Tal entlang. Im Gegensatz zu vorher gab es hier jede Menge farbiges Leben. Ein leuchtend roter Zug der Linie Marburg - Erndtebrück fuhr an mir vorbei. Hin und wieder begegneten mir Menschen, befand ich mich jetzt ja auch in unmittelbarer Nähe von bewohntem Gebiet. Wunderschöne Fachwerkhäuser lugten hinter den Wiesen oder den Bäumen hervor und versetzten mich in eine wohlige Stimmung.
Einen Blickfang bildete vor allem ein Fachwerkensemble in dem Dorf Bermershausen, auf das ich mich jetzt zubewegte.
PfaffenhütchenInzwischen war es Mittag geworden, über zu wenig Wärme konnte ich mich nicht mehr beklagen. Der Himmel zeigte noch immer das gleiche Blau wie am Vormittag. Dazu kamen aber in diesem schönen Tal in zunehmendem Maße die Farben des Herbstes. Außer dem Gelb, Rot und Braun des Blätterkleides manchen großen Laubbaums waren es aber auch kleinere Pflanzen, die mich faszinierten. Direkt bei Wahlbachsmühle zwang mich ein Strauch mit roten Früchten zu einer fotografischen Pause. Es war der Gewöhnliche Spindelstrauch, für dessen Früchte jetzt die richtige Zeit war, und die dem Strauch zu seinem Beinamen “Pfaffenhütchen” verholfen haben.

Als ich näher an das Dorf Bermershausen herankam, fiel mir ein sehr markanter Felsen hoch über den Häusern auf. Dies musste der Scharfenstein sein. Ich hatte es gelesen, dass er das Wahrzeichen des Dorfes sei, und dass sich von ihm ein herrlicher Blick auf das Schloss Wittgenstein bei Bad Laasphe biete. Ich hatte mir vorgenommen, dorthin zu wandern, um vielleicht auch diesen Blick fotografisch festzuhalten. Doch in Bermershausen ging es nun steil hinauf... Natürlich: wenn man abwärts gewandert ist, muss man auch wieder hinauf! Ich kam ziemlich ins Schwitzen, der Weg wurde ein wenig matschig, und da es auch keinerlei Hinweis auf diesen Scharfenstein gab, verzichtete ich auf ihn.

RiesenschirmlingZumal ich zuvor etwas anderes Schönes gesehen hatte! Es war noch im Bereich des Dorfes gewesen, als links des Wegs ein riesengroßer Pilz meine Aufmerksamkeit erregte. Er war mindestens ebenso schön wie groß, stand offenbar auf der Wiese eines Privatgrundstücks. Über seinem etwa 25 cm langen Stiel wölbte sich ein riesiger Schirm, weshalb er wohl auch den Namen Riesenschirmling erhalten hat. Ganz allein stand er da, fast majestätisch, lediglich im Schutz einer Fichte. Auch wenn ich Pilze sehr gerne esse, hätte ich es fast als Frevel empfunden, diese Naturschönheit zu entfernen. Auch wenn ich zu Hause lesen konnte, dass er als ausgezeichneter Speisepilz geschätzt wird.

KratzenbergEndlich hatte ich den höchsten Punkt des Gebirgszuges erreicht. Nur wenige Meter höher noch war der Gipfel des Kratzenbergs (571 m). An seinem Hang musste ich entlanggehen, um dann bald einige Meter nach Holzhausen absteigen zu können. Doch zuvor be- rührte ich eine kleine Lichtung. Schon hoffte ich, von hier das Schloss Wittgenstein sehen zu können. Diese Hoffnung wurde zwar nicht erfüllt, dafür aber zwang mich das farbenfrohe Bild einiger Laubbäume zum Anhalten. Die Temperaturen waren fast schon sommerlich zu nennen, und der dicke braune Blätterteppich am Boden lud zu einem herbstlichen Picknick ein. Dieses Picknick holte ich nach wenigen Minuten nach. Als ich das kleine Dorf Holzhausen erreicht hatte, das malerisch in einer Talmulde liegt, war auch schon bald die Bundesstraße 62 gewonnen und überquert. Noch einige Meter stieg ich höher in Richtung Stünzel, bis sich ein wunderbarer Blick auf Holzhausen bot. Hier setzte ich mich in das Gras und verzehrte einige Pfirsiche, die ich in meinem Rucksack mitgeführt hatte. Dabei ließ ich mich von den wärmenden Sonnenstrahlen verwöhnen.
Noch einmal musste ich jetzt ansteigen, bis ich die Hochfläche von Stünzel erreicht hatte. Doch waren es nur wenige Höhenmeter, und als mir einige Spaziergänger entgegenkamen, wusste ich, dass ich gleich im Auto meinen Füßen etwas Ruhe gönnen konnte. Durch den “Verhauer” am Anfang hatte diese Tour doch fast vier Stunden gedauert.

Text + Fotos: Hartmut Scholz, Erndtebrück 2007