
Das ganze Wittgensteiner Land könnte man eine “Schweiz” nennen. Man kennt die Fränkische, die Sächsische, die Holsteinische oder auch die Kroppacher Schweiz. Eigentlich ist es anmaßend, den Namen eines souveränen Staates sich einfach anzueignen und für eine Landschaft zu verwenden, die weit entfernt von seinem Namensgeber liegt. Schließlich gibt es auch die “Französische”, “Italienische”, ja sogar die “Deutsche Schweiz”.
Aber es ist ja auch eine Ehre für dieses Land, dass ferne Gegenden nach ihr bezeichnet werden. Das Wort “Schweiz” ist ein Symbol geworden für seine landschaftliche Schönheit, die sich sowohl im Hochgebirge als auch im Bereich der Mittelgebirge zeigt. Bei der Sächsischen Schweiz standen wohl eher die Felsspitzen Pate, während die anderen genannten “Schweizen” mehr den Juralandschaften der Nord- und Westschweiz ähneln. Wiesen und Wälder, liebliche Flusstäler und schroffe Berghänge wechseln sich harmonisch ab.
Im Wittgensteiner Land gibt es offene Landschaften, die eine freie und weite Aussicht gestatten wie die Gebiete entlang der Eder, die Umgebung von Feudingen oder die Region zwischen Erndtebrück und Berleburg. Den weitesten “Blick ins Land” hat man wohl von der Leimstruth aus zu den Höhen des Rothaargebirges.
Wenigstens an zwei Seiten - nach Norden und Westen - grenzt Wittgenstein an dieses Gebirge. Von Siegen oder Schmallenberg aus gesehen, liegt es “hinter den Bergen”. An ihren Hängen erstrecken sich riesige, dichte, fast undurchdringliche Wälder, westlich Erndtebrück und nördlich Berleburg. Ein ähnliches großes Waldgebiet erstreckt sich ebenfalls von Laasphe nach Norden.
Östlich von Berleburg kann man ein “Zwischending” zwischen diesen beiden Extremen erkennen - ein großes Waldgebiet, das aber durch viele einzelnstehende Höfe und Wiesengebiete unterbrochen ist. Und dieses Gebiet hat - wenigstens inoffiziell - den Namen “Wittgensteiner Schweiz” erhalten.
Mitte Juli. Heiß soll es heute werden. Darum will ich früh zu meiner heutigen Wanderung aufbrechen, damit ich sie gegen Mittag beendet habe. Kurz vor Neun stelle ich mein Auto in der Nähe des Hofes Latzbruch ab. Er liegt etwas abseits der Straße Berleburg - Diedenshausen. Einer der vielen Einzelhöfe in diesem Gebiet. Ich bin gespannt, ob Kyrill immer noch imstande ist, meine Pläne zu durchkreuzen. Seit langem habe ich mir nur breite Wege für meine Wanderungen ausgesucht. Sie werden als erste von querliegenden Fichten befreit.
Zunächst geht meine Rechnung auf. Mein Weg führt leicht ansteigend in nordöstlicher Richtung. Ich überquere die K 40. An dieser Stelle entdecke ich einen alten Grenzstein, der schön hergerichtet und mit einer Tafel versehen ist. Hier verlief einmal die Grenze zwischen den beiden Wittgensteiner Grafschaften. 1837 hatte Fürst Alexander zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein diese Steine errichten lassen, obwohl zu jener Zeit Wittgenstein schon lange zu Preußen gehörte und Alexander nicht mehr souveräner Herrscher seines Landes war.
1839 hatte die letzte Grenzbegehung der Gemarkung Berleburgs stattgefunden. Eine Menge an Streitigkeiten hatte es naturgemäß gegeben. Es bleibt zu hoffen, dass sich bei dem geplanten Grenzgang im nächsten Mai zur 750-Jahr-Feier Berleburgs die “Einwände” in Grenzen halten.
Ich trete aus dem Wald in eine riesige lichtdurchflutete Hochebene in mehr als 650 m Höhe. Wunderbare grüne Wiesen, auf denen viele Kühe weiden. Erst in mehr als einem Kilometer Entfernung beginnt wieder der Wald, und wenn man sich hinter diesem felsige Bergspitzen vorstellt - sieht es aus wie im Allgäu ! Weiter hinten fällt das Gelände nach rechts ab, entsteht das Tal eines Baches, des Mennerbaches, dessen Wasser bei Elsoff in die Elsoff fließt, die wiederum der Eder zustrebt. Ständig fährt ein Postauto an mir vorbei, das die Post in jeden einzelnen Hof bringt. Fünfmal an diesem Tag wird es mir begegnen - ein Postbote vor hundert Jahren - zu Fuß - hätte auch kaum länger für diese Dienste benötigt.
Im obersten Talboden versteckt sich der Hof Teiche, mein nächstes Ziel. “Eine Insel im Wald”, erzählt der Prospekt des Landgasthofes “Wittgensteiner Schweiz”, “ein Gebiet, das ideale Voraussetzungen für einen erholsamen Urlaub bietet.” Da wurde sicher nicht zu viel versprochen. Der Hauptkamm des Rothaargebirges, die Ziegenhelle mit 816 m einer seiner höchsten Gipfel, ist schnell zu erreichen.
Aber auch die, die mehr die offene Natur, die Wiesenlandschaften vorziehen, kommen auf ihre Kosten. Immer wieder fasziniert mich der Fingerhut, aber auch die vielen Schmetterlinge, die hier am Mennerbach schmackhafte Nahrung finden.
Nur wenige Meter muss man gehen, um den nächsten einzeln stehenden Hof zu erreichen. Einer heißt “Vorm Kohl”, der andere “Auf dem Kohl”. 24 solcher Höfe oder Häuser bilden den Berleburger Ortsteil Christianseck, dessen “Zentrum” - eine Ansammlung von vier, fünf Häusern - ich bald erreiche.
Heute zählt Christianseck 110 Einwohner. Wie viele andere Siedlungen, z.B. Sohl, Heiligenborn oder Stünzel ist Christianseck eine Kanonsiedlung. Es gehörte wie die anderen genannten Orte im 18. Jahrhundert zur “Südgrafschaft”. Wie es heißt, “siedelten ab 1708 auf die Anordnung des Grafen die ersten Kanonisten auf dem noch vollständig bewaldeten Gebiet.” Der Graf verfolgte zwei Ziele: einmal Glaubensflüchtlinge unterzubringen, aber auch Teile des großen Waldgebietes durch Rodung erschließen zu lassen. Lange Zeit gehörte Christianseck zum Elsoffer Viertel.
Hier befand sich auch ein gräfliches Gut des Berleburger Grafen und beherbergte für dreizehn Jahre eine prominente Person: die Gräfin Hedwig Sophie (1669-1738), die Mutter des Grafen Casimir, des wohl bedeutendsten der Berleburger Grafen. Als Casimir 1712 seine Regierung angetreten hatte, zog sich seine Mutter in die Abgeschiedenheit von Christianseck zurück. Sie hatte zuvor zusammen mit ihrem Bruder die Vormundschaft für den Erbgrafen ausgeübt, war eine tiefreligiöse Frau und hatte dem Radikalpietismus in der Nordgrafschaft Berleburg zum Einzug verholfen. In dieser Zeit gab es im Berleburger Schloss zahlreiche ekstatische Versammlungen, bei den Hedwig Sophie munter mitwirkte. Schwärmerisch-religiöse Massenhysterie hatte das Berleburger Schloss ergriffen, auch die Gräfin wurde lange Zeit von einem “geistlichen Lachen” erfasst. Vielleicht war ihr Aufenthalt in Christianseck auch eine Art “Verbannung”.
Als ich auf meinem Weiterweg Richtung Hof Schlade nach einiger Zeit etwas die Orientierung verliere, hat das nicht seinen Grund darin, dass ich mich in diesen schwärmerischen Gedanken verfangen habe, sondern einmal daran, dass ich mir auf meiner Karte Wege ausgesucht habe, die es vielleicht so gar nicht mehr gibt, wie sie gezeichnet sind - aber auch an den Auswirkungen von Kyrill... Wieder einmal muss ich “umgehen”, und - ich weiß es noch - sehr schnell kommt man möglicherweise an einer ganz anderen Stelle heraus.
Es geschieht an den Hängen des Bergzwillingpaars Kleine und Große Bubenpracht - um ein Haar wäre ich wieder in Christianseck gelandet. Da sehe ich in dieser Waldeinsamkeit plötzlich ein kleines Mädchen. Was macht sie denn da ganz allein ? denke ich und ich frage sie. Sie spielt “Verstecken”... Bald tauchen zwei weitere Kinder mit ihrer Mutter auf - und diese frage ich nach dem Hof Schlade... Ihre Antwort gibt mir meine Orientierung wieder zurück - bald bin ich dem finsteren Wald entronnen, habe ihn mit einer heiteren, hellen Allgäu-Landschaft vertauscht und den Hof Schlade erreicht.
Jetzt habe ich die Stelle erreicht, die mir gestern aufgefallen ist. Ein Tal, das ich als paradiesisch empfunden habe. Gestern war ich mit dem Auto in dieser Gegend herumgekurvt und hatte plötzlich in ein herrliches Tal voller Wiesen hinabgesehen... So hatte ich mir zuvor die “Wittgensteiner Schweiz” vorgestellt ! Da war der Plan entstanden, auf einer Wanderung durch dieses prachtvolle Tal zu streifen. Gestern stand ich ganz oben, jetzt stehe ich auf der anderen Seite, wesentlich tiefer.
Inzwischen ist es recht warm geworden, und der Gedanke, jetzt die steilen Gegenhänge hinaufsteigen zu müssen, lässt mich vermuten, dass das sehr schweißtreibend werden wird. Aber was hilft es - dort hinauf muss ich, um einen akzeptablen Rückweg einschlagen zu können. Vier Gehöfte sind in diesem Tal verteilt. Zuerst der Hof Schlade, dann auf dem Gegenhang der Hainhof, etwas abseits ein Forsthaus, und ganz zuoberst der Hof Schladechrist - wenn ich nur schon dort wäre...
Aber ich habe ja eine gute Karte. Doch auf halber Höhe lässt sie mich im Stich. Der eingezeichnete Weg ist plötzlich einfach nicht mehr da, stattdessen ein einfacher, nicht sehr hoher Zaun, den ich schnell überwunden habe. Jetzt suche ich auch nicht mehr länger nach einem Weg... Jetzt gehe ich diesen Wiesenhang in Falllinie nach oben. Das Gras ist recht hoch und noch etwas feucht, Kühe sind hier keine. Doch, ganz weit entfernt kann ich einige wenige ausmachen. Oben ist schon das Fahrsträßlein zu vermuten, auf der ich meinen Weiter- und Rückweg fortsetzen will.
Endlich habe ich den oberen Rand der Wiesen erreicht. Nur der Zaun wäre noch zu überklettern... Er wird wohl keinen elektrischen Strom führen ! Bei dem unteren Zaun, über den ich gestiegen war, war dies auch nicht der Fall gewesen, und außerdem sind weit und breit keine Rinder zu sehen. Ein “vorsichtiger Versuch” belehrt mich aber eines Besseren: ich erhalte einen gehörigen Stromschlag. Er ist so stark, dass ich ihn freiwillig nicht noch einmal erleben möchte...
Doch wie soll ich nun auf die andere Seite gelangen ? Ich suche mir eine geeignete Stelle, wo der Abstand der untersten Stacheldrahtreihe zum Boden etwas größer als sonst ist. Zuerst werfe ich meinen Rucksack hinüber, und dann wälze oder rolle ich mich am Boden in die “Freiheit”...
Das gefällt mir überhaupt nicht an den Wittgensteiner Wiesen - ich hatte das nämlich schon einmal erlebt: jedes Fleckchen Wiese ist mit Strom “gesichert ! Würde der Stacheldraht, den es ja auch immer noch gibt, das Vieh nicht genau so gut zurückhalten ? Oder ist der Strom mehr für unwillkommene menschliche Eindringlinge gedacht ? Auf den Schweizer Almen hatte ich das nie erlebt ! Ob die Wittgensteiner Schweiz dann ihren Namen zu Recht trägt ?
Als ich in der Sicherheit des Sträßchens bin, mache ich erst einmal eine Erholungs- und Verzehrpause. Und danach habe ich keine Lust mehr auf Experimente - ich gehe jetzt auf der Teerstraße zurück, an den Höfen Brücher und Rübengrund vorbei, und erreiche nach einer halben Stunde mein Auto.
Text + Fotos: Hartmut Scholz, Erndtebrück 2007
Links:
Bad Berleburg bei Wikipedia
Wittgensteiner Land bei Wikipedia
Wandern im Rothaargebirge