Wandern nach Girkhausen

Wandern in Wittgenstein

Vom Waldparkplatz “Winterbach” nach Girkhausen

Text + Fotos: Hartmut Scholz, Erndtebrück 2007

Auf dem Waldparkplatz “Winterbach” stelle ich mein Auto ab. In seiner unmittelbaren Nähe befindet sich die “Goldeiche”. Dort, wo der Kleine Rüsselsbach in die Schwarzenau mündet, und beide gemeinsam dann für eine kleine Weile den Namen “Marienwasser” tragen, bevor sie von der Odeborn vereinnahmt werden.

Die Goldeiche in "Winterbach"Die “Goldeiche” ist schon eine Besonderheit… Nur drei, nach anderen Quellen nur fünf Bäume diesen Namens soll es auf der Erde geben ! Und ausgerechnet in Wittgenstein steht einer ! Sie ist eine Kulturform der Stieleiche (Quercus robur) und trägt den Zusatznamen ‘Concordia’. Im Frühjahr treiben die jungen Blätter goldgelb aus, im Sommer wird die Belaubung gelblichgrün oder auch “gewöhnlich”-grün. Nur drei bis vier Wochen lang lässt sich also dieses Naturereignis beobachten. Die Gründe für die außergewöhnliche Laubfärbung sind bisher noch nicht hinreichend erforscht. Entstanden ist die Sonderform 1843 in der Baumschule von Van Geert in Gent. Jetzt, Ende November, konnte ich an der Goldeiche kein einziges grünes Blättchen mehr entdecken – aber imposant wirkte dieser Baum auch jetzt.
Im Tal der Schwarzenau bewege ich mich am Rand des Waldes aufwärts. Der Weg ist recht matschig. Es hatte in der letzten Zeit viel geregnet und auch schon etwas geschneit. Ich nähere mich einem Gehöft, das sich an der Stelle befindet, wo ein kleines Fahrsträßlein zum Hof Dambach abzweigt. Jetzt ist der Weg in seiner vollen Breite von mittelgroßen Zweigen und Ästen belegt, die von den Untaten des Orkans Kyrill stammen… Die Stämme der Bäume hat man beseitigt, aber das viele Kleinholz liegt noch da und stellt auch ein Hindernis dar. Im Zickzack muss ich mich durcharbeiten, denke auch an Umkehr. Aber ich komme durch und bin froh, als ich das Gehöft und das schmale Asphaltband erreicht habe.

Girkhausen Hof DambachAuf diesem Sträßlein komme ich jetzt schneller voran, die Steigung nimmt etwas zu. Dass dies eine Fahrstraße ist, stört mich nicht, denn es begegnet mir nie ein Auto. Das Tal weitet sich, und ich überschreite den Dambach. Zu meiner Linken öffnet sich das Dambachtal mit vielen grünen Wiesen. Schon von weitem sehe ich ein kleines Fachwerkhaus, das – wie sich später zeigen wird – schon zum Hof Dambach gehört. Es ist das alte, 1792 erbaute, Backhaus des Hofes und in jüngster Zeit zu zwei Komfort-Ferienwohnungen um- oder ausgebaut worden. Den eigentlichen Hof Dambach kann ich erst sehen, als ich unmittelbar vor ihm stehe. Er ist einer der schönsten Bauernhöfe im Wittgensteiner Land und vollständig erhalten.

Girkhausen Hof DambachGraf Casimir (1681 – 1741) hatte ihn 1711 als “Kanongut” erbauen lassen. Die Bewohner, die nur den “Kanon”, den Erbzins, aber sonst keine Abgaben zu zahlen hatten, dienten dem Grafen auch als Hüter und Wächter seines Waldes. Der Hof ist seit dieser Zeit immer in derselben Familie geblieben, nunmehr in der zwölften Generation.
In den siebziger Jahren wurde in den Hof ein Beherbergungsbetrieb aufgenommen, die “Pension Hof Dambach”. Sie erfreut sich großer Beliebtheit. Das Haupthaus ist ein Werk des bekannten Wittgensteiner Baumeisters Mannus Riedesel (nach 1662 – 1726), der aus Melbach stammte und außer diesem Fachwerkbau auch die Ludwigsburg in Bad Berleburg, die Kapellenschule in Sassenhausen und das Stolz’sche Haus in Bad Laasphe erbaut hat – alle sind sie fachwerkliche Kostbarkeiten.
Jetzt – Ende November – herrscht in der Pension wohl Betriebsruhe. Gäste scheinen nicht da zu sein. Das gegenwärtige Wetter lädt nicht gerade dazu ein, Ferientage zu verbringen. Während ich einige Fotos von den interessanten Bauwerken tätige, bekomme ich jedoch Besuch von einem Hund, einem Schäferhund. Mir wird bewusst, dass nicht jeder Hund sofort bellt – dieser hier lässt sich von mir sehr gerne streicheln. Es ist wohl eine junge Hundemutter, denn im Hof sehe ich zwei Welpen. Und “Gabi” wäre wohl mit mir auf meine weitere Wanderung mitgekommen, hätte die Juniorchefin sie nicht zurückgerufen…

GirkhausenNoch ein paar Minuten geht es bergan, bis zu einem Pass in 658 m Höhe zwischen Damberg und Homberg. Auf der anderen Seite liegt Girkhausen, viele Meter tiefer. Die Fahrstraße führt dorthin in einer Riesenschleife, um nur langsam an Höhe zu verlieren. Dieser Weg ist mir zu lang – meine Karte zeigt einen Weg, der in schnurgerader Linie hinunterführt. Ich ahne es schon: dies war vielleicht einmal ein Weg, jetzt sind davon kaum noch Spuren zu erkennen. Oder es ist oder war auch nur eine “Schneise” im Wald. Ich verlasse mich auf meine Orientierung, verliere rasch an Höhe und trete weit unten aus dem Wald heraus. Von hier bietet sich mir ein großartiger Blick auf Girkhausen. Die Dächer der Häuser werden überragt von einer eindrucksvollen Kirche, der ich mich jetzt nähere und die ständig meinen Blick auf sich zieht.

Girkhausen St. MarienDiese Kirche “St. Marien” war einmal eine bedeutende Wallfahrtskirche. 1298-1300 war sie erbaut worden, als eine große doppelschiffige Hallenkirche. Sie trägt sowohl romanische als auch gotische Stilelemente. Der päpstliche Ablassbrief von 1325 leitete vermutlich eine stürmische Wallfahrtsentwicklung ein, die dem Ort einen großen Wohlstand bescherte. Die “Madonna von Girkhausen”, ein wundertätiges Marienbild, und der Marienborn, eine geheiligte Quelle, waren die Anziehungspunkte. Seit Einführung der Reformation ist das Madonnenbild spurlos verschwunden. Dies bedeutete das Ende der Wallfahrten und das Ende des Wohlstands.
Die Verarmung setzte sich mit den Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges fort. Wegen Geldmangel konnte die Kirche nicht mehr unterhalten werden. 1680 stürzte der westliche Teil des Kirchenschiffes ein. Die Mauerreste wurden entfernt, der verbliebene Kirchenteil durch eine neue Mauer nach Westen abgeschlossen. Seither steht der Kirchturm isoliert.

Girkhausen St. MarienIch habe gerade dieses wunderschöne Bauwerk abgelichtet, als sich in einem Haus direkt vor mir eine Türe öffnet. Ob ich nicht auch das Innere der Kirche sehen wolle, fragt mich eine junge Frau. Ja natürlich – aber die evangelischen Kirchen sind ja meistens verschlossen ! Sie ist offenbar die Küsterin, holt einen überdimensionalen Schlüssel und händigt ihn mir aus. Und so komme ich in den Genuss, das Innere der Kirche sehen zu können.
Inzwischen ist das Bauwerk wunderbar restauriert, die dunklen Streben des Gewölbes setzen sich eindrucksvoll von der weißen Decke ab. Kleine rote Sterne zwischen ihnen machen das Aussehen des Kirchleins sehr lebendig. Dieselbe Wirkung hat aber auch die Ausstattung. Die Sitzreihen und die Empore zusammen mit der kleinen Orgel sind farblich außerordentlich wirkungsvoll gestaltet und erinnern mich an die Kapelle von Sassenhausen.

GirkhausenAm 19.Mai 1748 hielt der Pfarrer Leonhard Leydich seine Abschiedspredigt. Er wanderte mit seiner Familie nach Amerika aus. Viele Wittgensteiner Bürger taten dies in dieser Zeit, die von Armut und Krankheit, insbesondere der Pest, gezeichnet war. Häufig taten sie es heimlich, flohen bei Nacht und Nebel über die nahen Grenzen. Die Emigration von Pfarrer Leydich und seiner Familie war die erste beurkundete von Girkhäuser Bürgern. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wählten noch viele Familien den Weg in die vielversprechende “Neue Welt”. Nicht bei allen erfüllten sich ihre Hoffnungen, doch einige berichteten stolz in Briefen von ihrem geglückten Neuanfang.

GirkhausenTrotzdem begann im 18. Jahrhundert auch in Girkhausen der Aufwärtstrend. Davon zeugen die vielen meist prächtigen Fachwerkhäuser aus dieser Zeit, die die Ufer der Odeborn säumen. Graf Casimir war auch in dieser Hinsicht aktiv, nicht nur beim Erweiterungsbau des Berleburger Schlosses. In seine Zeit fallen die vielen Kanongründungen. Zum Beispiel siedelte er Glaubensflüchtlinge in zunächst unwegsamen Waldgebieten wie Christianseck an, aber auch oben auf dem Rothaarkamm, wo er die Siedlung Hoheleye anlegen ließ.
Ich wandere die Odeborn entlang an unzähligen schönen Fachwerkhäusern. Am Ende des Dorfes wechsle ich die Talseite und bewege mich auf den Hof Birkelbach zu. Ich muss ja wieder zurück zur Goldeiche… Klar, dass ich wieder über den Berg gehen muss. Auf meiner Karte habe ich keinen passablen Weg gefunden. An dieser Stelle gibt es nur Waldwege, die sich parallel zum Hang ohne große Höhenunterschiede hinziehen. Lediglich an einer Stelle ist ein wie mit dem Lineal gezogener “Weg” eingezeichnet, der sich in Falllinie nach oben zieht… Das kann ja nur eine Schneise sein ! Als ich den Hof Birkelbach passiert habe, sehe ich von weitem einen solchen Einschnitt im Wald. Als ich näher komme, erkenne ich, dass dies tatsächlich mein geplanter “Weg” ist, und der Grund für diese Schneise wird auch offenbar: eine Stromleitung führt nach oben. Was soll ‘s ? Da muss ich jetzt hinauf. Es sind ja auch nur hundert Höhenmeter und nicht tausend wie in den Anden oder Alpen. Von einem Weg ist natürlich nichts zu erkennen. Es ist diesmal eine sehr breite Schneise mit niedrigem Baumbestand und hohem Gras. Was manchmal wie ein Pfädchen aussieht, erweist sich als Wildwechsel wegen der “Hinterlassenschaften”.
Oben angekommen, bin ich erleichtert und auch erfreut, denn es öffnet sich wieder ein herrliches Wiesental. Es ist das Tal des kleinen Rüsselsbach, an dessen unterem Ende die Goldeiche steht. Gut kann ich auch den Gegenhang mit dem Hof Winterbach einsehen, hinter dem sich Christianseck befindet.

RüsselsbachEin wenig unterhalb des Wandrandes erblicke ich den Hof Rüsselsbach, zunächst jedoch erregen zwei Pferde meine Aufmerksamkeit. Bald bemerke ich, dass es nicht nur zwei sind. In etwas größerer Entfernung grasen viele weitere. Sie scheinen die großen Wiesenflächen richtig zu genießen, denn plötzlich beginnen sie, alle zusammen in meine Richtung zu galoppieren. Wie eine Kinderschar scheinen sie sich plötzlich anders zu besinnen, rennen auseinander und später wieder zueinander. Ein richtiges Gestüt scheint dies zu sein.
Im ersten Augenblick denke ich, dass diese Pferde zum nahen Bauernhof gehören. Doch als ich mich diesem nähere, muss ich leider feststellen, dass das nicht der Fall ist. Mir scheint es, dass die Türen in der Scheune alle offen stehen. Und als ich in der Nähe bin, bestätigt sich dies. Es ist wohl so, dass dieser Hof verlassen worden ist, “aufgelassen” … Dabei liegt er so romantisch in diesem Tal, selbst in diesem Zustand strahlt er Gemütlichkeit aus…

Rüsselsbach“Gemütlichkeit” – was für Gründe mögen wohl dahinter stecken, dass der Hof verlassen worden ist ? Welche Schicksale, Hoffnungen und Enttäuschungen ? Vielleicht ähnliche, aber nicht die gleichen wie vor Hunderten von Jahren: Damals war häufig die Pest der Grund für das “Auflassen” oder “Aussterben” von ganzen Dörfern. “Wüstung” nannte man das dann. Im Wittgensteiner Land und anderswo gibt es eine Menge solcher Wüstungen: man kann es nur noch lesen, dass es irgendwo ein Dorf gegeben haben soll.
Mit diesen Gedanken mache ich mich auf die letzte Etappe meiner Wanderung. Es geht jetzt immer leicht abwärts, auf einem Fahrsträßchen, auf dem hin und wieder Reste von Asphalt zu sehen sind. Nach wenigen Minuten grüßt auf der anderen Seite des Rüsselsbaches die Goldeiche zu mir herüber.

Text + Fotos: Hartmut Scholz, Erndtebrück 2007
Vielen Dank für diese Wandergeschichte.

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